Freistellen und das Spiel mit der Schärfentiefe (Bokeh)

Fotos mit einem professionellen Look unterscheiden sich deutlich von einfachen Schnappschüssen. Dieser Artikel befasst sich mit den verschiedenen Möglichkeiten, ein Motiv freizustellen. Welche Möglichkeiten das sind und wie die technischen Voraussetzungen aussehen wird anhand von Beispielen erklärt.

bokeh

Unter freistellen verstehen viele das Ausschneiden eines Motivs, das dann auf einen anderen Hintergrund gesetzt wird. Dieser kann aus einem anderen Foto oder auch einer einzelnen Farbe bestehen. Bei Produkten, die über Online-Shops oder Auktionen verkauft werden sollen, ist das meist ein weißer Hintergrund. Auf diesen Aspekt der Freistellung gehe ich am Ende des Artikels ein. Zunächst möchte ich erklären, wie ein Motiv durch freistellen in den Vordergrund rückt, ohne das es dabei aus dem Bild herausgeschnitten wird. Dazu muss das Hauptmotiv scharf und der Rest möglichst unscharf sein. Dieser unscharfe Hintergrund wird auch Bokeh genannt.

Freistellen mit Bokeh

Das perfekte Bokeh und wie man es erreichen kann

Ein schönes Bokeh lässt sich nicht mit jedem Objektiv erstellen. Hier spielen verschiedene Faktoren eine Rolle, die letztlich die Stärke und auch die Qualität des Bokehs bestimmen.

  • Lichtstarke Objektive mit großer Blende
    Eine einfache, aber auch recht teure Möglichkeit, ein schönes Bokeh zu erzeugen, ist die Verwendung lichtstarker Objektive. Mit Blendenwerten von f2.8 und kleiner lassen sich leichter unscharfe Hintergründe erzeugen. (Beachte: Großer Blendenwert = kleine Blende, Kleiner Blendenwert = große Blende) Dabei spielt der Schärfebereich eine wichtige Rolle. Je größer die Blende, also je kleiner der Blendenwert, desto geringer ist die Tiefenschärfe. Eine Blende von f1.2 besitzt nur einen minimalen Schärfebereich von wenigen Millimetern. Bei einem Portrait kann das ein scharfes Auge und eine unscharfe Nasenspitze bedeuten. Die nachfolgenden Fotos zeigen die Veränderung der Tiefenschärfe und damit auch des Bokehs bei abnehmenden Blendenwerten.
    test_f22 test_f16 test_f11 test_f8 test_f6_3 test_f4 test_f1_7
  • Große Brennweite und geringer Abstand zum Motiv
    Auch mit kleineren Blenden (f4 oder größer) kann ein schönes Bokeh erzeugt werden. Dazu ist eine größere Brennweite erforderlich und ein geringer Abstand zum Motiv. Die erste Bilderreihe wurden mit abnehmenden Abständen zum Motiv mit einem Sigma 105mm Makroobjektiv aufgenommen. Für die nächste Reihe kam ein sehr günstiges Telezoom zum Einsatz. Hier wurde nicht der Abstand, sondern die Brennweite verändert (herangezoomt).

    Festbrennweite 105mm
    fest_100mm fest_80cm fest_50cm fest_30cm

    Zoom-Objektiv 70-300mm
    zoom_100mm zoom_200mm zoom_300mm zoom_300mm_Makro

  • Große Blende und großer Abstand zum Hintergrund
    Nicht immer stehen teure Objektive mit großen Blenden zur Verfügung. Dennoch lässt sich ein schönes Bokeh erzeugen, indem das Motiv einen größeren Abstand zum Hintergrund erhält. Diese Möglichkeit ist allerdings eher für Studioaufnahmen geeignet, bei dem man Einfluss auf das Motiv hat. Soll ein Elefant im Zoo aufgenommen werden, dann dürfte es schwer fallen, diesen davon zu überzeugen, sich etwas weiter von den Bäumen im Hintergrund zu entfernen.

Die Qualität eines Bokehs

Wie schön das Bokeh letztlich ist und wie natürlich es vom Betrachter wahrgenommen wird, hängt aber nicht nur von den oben angeführten Punkten ab. Auch die technischen Details eines Objektivs spielen eine große Rolle. So haben Anzahl und Form der Blendenlamellen einen großen Einfluss auf das Ergebnis. Gute Ergebnisse werden mit mindestens 7 Blendenlamellen, die eine abgerundete Kontur besitzen, erzeugt. Aber auch die Art des Objektivs spielt eine Rolle. So lassen sich mit Festbrennweiten oft bessere Ergebnisse erzielen als mit Zoomobjektiven. Das lässt sich aber leider nicht pauschalisieren und wer ein Objektiv sucht, das ein schönes Bokeh erzeugt, sollte sich in jedem Fall die Bewertungen durchlesen und Beispielbilder ansehen.

Freistellen mit weißem Hintergrund

Ein weißer Hintergrund ist besonders bei Produktfotos empfehlenswert. Dadurch wird der Betrachter nicht vom wichtigen Teil abgelenkt und es gibt später auch keine Probleme, das ein Käufer die enthaltene Deko ebenfalls im Kaufpreis sieht. Motive lassen sich in mehr oder weniger mühsamer Arbeit in Photoshop oder bereits während des Shootings und der Entwicklung im RAW-Konverter freistellen.

  • Freistellen während des Shootings
    Die einfachste Möglichkeit ein Motiv freizustellen besteht bereits während des Shootings. Bei kleineren Produkten hat sich ein Fototisch bewährt, der einen weißen Hintergrund samt Hohlkehle besitzt (Selbstbauanleitung inkl. Video). Auch ein Lichtzelt ist eine sehr gute Möglichkeit. Im Normalfall ist der weiße Hintergrund bei korrekter Belichtung immer noch grau. Um ihn komplett weiß zu bekommen, ohne dabei das Motiv überzubelichten, kann ein Blitz genutzt werden. Ob Studioblitz oder Systemblitz spielt dabei keine große Rolle. Wird damit der Hintergrund angeblitzt, ist er in der Regel strahlend weiß und das Motiv vollständig freigestellt.
  • Freistellen im RAW-Konverter
    Ist kein zusätzlicher Blitz verfügbar oder der Hintergrund noch immer nicht komplett weiß, kann im RAW Konverter nachgeholfen werden. Das funktioniert jedoch nur, wenn es sich um einen einfarbigen, sehr hellen Hintergrund handelt. Das Herausschneiden eines Motivs aus einem Gesamtbild ist hier nicht möglich. Das folgende Video zeigt das Freistellen eines Motivs mit Capture One Pro.
  • Freistellen in Photoshop
    Hilft weder der Blitz beim Shooting, noch die Möglichkeiten des RAW Konverters, muss Photoshop ran. Dort können nicht nur Hintergründe entfernt, sondern auch beliebige Teile aus einem Gesamtbild herausgeschnitten werden. Wie das geht, erkläre ich in einem Video.

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